Man wird Händes Oratorien

erst dann richtig begreifen und würdigen können, wenn man sie als chorische Darstellung überpersönlicher Volksschicksale erfaßt, aufgezeigt und gestaltet am Beispiel alttestamentarischer Geschehnisse. »Saul«, »Israel in Ägypten«, »Judas Makkabäus«, und wie die zahlreichen Werke alle heißen, stellen immer wieder dar, wie sich ein »auserwähltes Volk« (biblisch das jüdische, tatsächlich gemeint aber das englische) zu verhalten hat, will es nicht seine innere Kraft und äußere Stellung einbüßen.

Bei der Vertonung konnte Händel zurückgreifen auf eine jahrhundertelange, gleichwohl immer noch lebendige Überlieferung des englischen Chorgesangs, eines Massengesangs, der sich kaum je in Künsteleien verloren, sondern stets eine kunstvolle Volkstümlichkeit bewahrt hatte. So großartig Händel zuweilen die neidischen Einzelpersönlichkeiten der Oratorien musikalisch umkleidet, immer wieder spürt man, daß sie im Grunde nur Verdichtungen volkhafter Charakterzüge sind. Und wenn dann der Chor als Vertreter der Gesamtheit einsetzt, sei es in schlichtem Gesang, sei es in kunstvoll verschlungenen Steigerungen, dann spürt auch der einfachste Hörer etwas von dem gewaltigen Atem großer Gemeinschaften. - Wir können hier nur einige der wichtigsten Werke (bedeutend sind sie alle) kurz streifen.

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